Dolce far niente, Nescio, Radek Knapp, Marica Bodrozic, Mirko Wenig, Christoph Geiser

Dolce far niente

 

 
Gezicht op de Nicolaaskerk vanaf het Centraal Station in Amsterdam door Evert Moll, ca. 1930

 

Uit: Het geluk van in Amsterdam te leven

“28 Juli 1950 Vrijdag. Met Os, Miep, Louis en Jan Tenger Pip naar den Parijzer trein van 7 uur 6 gebracht. Fantastische belichting, zon recht voor de kap, gouden rails etc. Fantastisch uitrijden en twee maal ombuigen van den trein (1e perron).

2 Augustus 1950 Woensdagavond. ’s Avonds na ½ 8 met Kees Zwolsman op het C.S. 4de perron. Gebroken wolkenlucht, fantastische belichting. Later in ¾ donker kopje koffie en fleschje bier op 1e perron.

5 Augustus 1950 Zaterdagavond. Alleen tegen ½ 8 op C.S. Licht als 28 Juli (1ste en 2de perron).

8 Augustus 1950 Dinsdagavond. Hetzelfde (4de en 1ste perron). Zeer duidelijk meer naar links. ’s Morgens uit lijn 9 een zonnebloem gezien in het plantsoentje tegenover het paleis op den Dam.

17 Augustus 1950 Donderdagochtend. Met Os aan het water van het tramstationnetje, later naar de bibliotheek op de Keizersgracht en toen over het Begijnhof. Lentelicht in de hondsdagen. Mooi gezicht uit den hoek van het begijnhof op het kerkje”.

 

 
Nescio (22 juni 1882 – 25 juli 1961)
Amsterdam, de geboorteplaats van Nescio:
Het Begijnhof met Engelse Kerk door Jan ten Compe, 1754.

 

De Pools-Oostenrijkse schrijver Radek Knapp werd geboren op 3 augustus 1964 in Warschau. Zie ook alle tags voor Radek Knapp op dit blog.

Uit: Der Mann, der Luft zum Frühstück aß

„Nach einer verdächtigen Ruheperiode, in der sie ihren mütterlichen Pflichten vorbildlich nachging,
nahm sie mich eines Tages für eine kurze Autofahrt in die Stadt mit. Wir passierten das Zentrum, den Stadtrand und interessanterweise auch andere Städte, bis wir zehn Stunden später vor einem rot-weiß-roten Schranken in Drasenhofen hielten.
»Auf der anderen Seite liegt Österreich. Dort fangen wir ein neues Leben an«, verkündete meine Mutter und zeigte auf das Feld hinter dem Schranken, wo ein paar Krähen um eine leere Plastikflasche der Firma Coca-Cola stritten.
Als sie meinen verständnislosen Blick auffing, fügte sie hinzu: »Mach nicht so ein Gesicht. Ab jetzt wirst du viele Grenzen überschreiten. Sie werden aus dir das machen, was ich nie geschafft hätte. Einen Mann.«
Ob ich dadurch ein Mann wurde, müsste genauer erforscht werden, aber ganz gewiss wurde ich dadurch zum Experten von Grenzen und ihren Überschreitungen.
Nach der Staatsgrenze folgte bereits die nächste Grenze: der Wechsel von der slawischen Sprache in
die germanische. Deutsch zu lernen ist für einen Polen genauso schwer wie allgemeine Relativitätstheorie. Aber in Wien kam noch das Problem dazu, dass man dort gar nicht Deutsch sprach.
Ich weiß noch genau, wie ich mich kurz nach meiner Ankunft in ein Lebensmittelgeschäft verirrte und
gleich an der Schwelle den mysteriösen Satz hörte:
»Sprüh a Wolk’n!«
An dem Gesicht, das diesen Satz fallenließ, erkannte ich eines: Es war keine Aufforderung, eine Wolke mit einer Spraydose zu bearbeiten, sondern man empfahl mir, das Lokal recht flott wieder zu verlassen. Von da an staunte ich, wie viele Ausdrücke es in dieser traditionell gastfreundlichen Stadt gab, die zum Sich-Entfernen aufforderten, wie etwa »Mach ein Servus« oder das zuletzt wieder stark in Mode kommende, arabisch klingende »Hau dich über die Häuser.“


Radek Knapp (Warschau, 3 augustus 1964)

 

De Duitse dichteres en schrijfster Marica Bodrozić werd geboren op 3 augustus 1973 in Zadvarje in het toenmalige Joegoslavië. Zie ook alle tags voor Marica Bodrozić op dit blog.

Uit: Das Wasser unserer Träume

„Aufgeknöpfte Zeit, um mich herum, das fühle ich, dicke Schläuche und tickende Maschinen. Die Schläuche sind aus Plastik. Sie binden mich an die Erde. Das Ticken ist vom Mond oder von der Südhalbkugel, dort, wo Luftpumpen gebraucht werden und der Fliegende Fisch zu Hause ist.
Von dort kommt alles zur Erde, die Idee der Waage, des Paradiesvogels und des Kranichs. Die leuchtenden Punkte erzählen mir davon. Kluge Sterne über hellster Erde. Ich weiß nicht, ob sie nur in meinem Kopf sind. Oder im ganzen Himmel. Oder ob mein Kopf ein kleiner Himmel ist, hier, in diesem Zimmer, in dem ich liege, wie lange, das sagt mir niemand, denn auch ein Zimmer ist ein Himmel
für sich. Keiner, der hier ein- und ausgeht, vermutet in mir einen hörenden Menschen. Nicht ohne Grund zweifeln sie an meinen Ohren. Der Zimmerhimmel weiß, dass ich alles hören kann, vor allem das, was nicht gesagt wird und auch jenseits der Wände. Oben am Plafond magnetisieren sich die lauten, die leisen und die noch ungeborenen Wörter.
Sie suchen mich, und ich, ein Mann, der stumm und bewegungslos in einem Bett liegt, bin ihr lebendiges Radio, aus dem noch nichts in die Außenwelt dringt. Wenn niemand mehr im Zimmer ist, fällt sie auf mich herab, die Weisheit und Sammlung der Wörter, weil ich das Land bin, das ihrer gedenkt. Die Natur ist Feindin ewiger Besitzungen.
Ich besitze nichts, aber ich kann die anderen lesen, ihre Gedanken, ihre Liebe, ihre Sehnsucht aus dem Inneren sehen. Es ist eine Gabe, um die ich nicht gebeten habe.
So etwas geschieht nur den Entmachteten. Ich bin entmachtet worden, ein zurückberufener Mensch, der wieder in den Raum eingeschleust worden ist. Der Plafond sagt, dir ist es nicht mehr erlaubt, nur mit dem Kopf zu denken.
Die Zeit ist ein Senfkorn. Die Ohren, mathematisch kenntnisreiche Reiter. Das erdgelbe Material meiner Bilder gestattet mir, wieder zu träumen, wieder an den Urgrund der Träume zu rühren und ihrer würdig zu sein. Das helfende Fenster ist aus hellem Holz. Ich rieche seine große Frische. Das Holz ist junges Holz, von einer Birke, noch nah an Atem und am Leben. Das Zimmer ist bescheiden und ganz in weiß gehalten. Allein die über mich wachenden Frauen sind heute Farbe darin. Ich kann meine Augen nicht aufmachen. Trotzdem kann ich die Farben sehen. Von innen schaue ich auf sie mit meinen unbeweisbaren Augen.
Hellgrüne Gewänder schauen zu mir zurück. Eine der Frauen sieht aus wie ein wohlgeratener Rabe, ganz dunkel und schön und in sich ruhend. Ein stimmloses Rätsel.“


Marica Bodrozić (Zadvarje, 3 augustus 1973)

 

De Duitse dichter Mirko Wenig werd geboren op 3 augustus 1977 in Gera. Zie ook alle tags voor Mirko Wenig op dit blog.

Wrack

Im Grunde war es immer derselbe Wald. Dieselbe
Stelle, Gebüsch hinter der Datsche, ein ausgetrockneter
Graben. Dort stand unser Wartburg: Schiff, Ufo und Panzer.

Es gab keinen Zündschlüssel. Kurzes Stottern, Brummen
im Mundraum, dann ging es los, mussten die Gurte
angelegt werden. Fahr nicht so schnell du hebst gleich ab!

Nach Öl stank es, nach Benzin und Harz. Sitzpolster
aufgerissen, wir hielten das Lenkrad umklammert.
Und die Lachse im Wasser, die tödlichen Stromschnellen,

die wilden Bären: auch der Hund musste mit, wir
fuhren ins Minenfeld. Alle Helme aufsetzen!
Schokolade half gegen Raketenbeschuss.

Dann schoss uns der Gegner das Heck weg. Räder
hatten wir schon lang nicht mehr, die Türen
brachen aus dem Rahmen. Jemand brachte

ein zweites Lenkrad mit, so konnten wir uns
aufteilen, den Feind einkreisen. Umzingeln
zur nächsten Richtungsentscheidung:

die einen fielen raus, die anderen
gingen zu Fuß weiter. Im Grunde
war es immer derselbe Wald.


Mirko Wenig (Gera, 3 augustus 1977)

 

De Zwitserse schrijver Christoph Geiser werd geboren op 3 augustus 1949 in Basel. Zie ook alle tags voor Christoph Geiser op dit blog.

Uit: Der Neandertaler von Darmstadt

„Das Auge Gottes, übrigens, war auch noch nicht im Bus. Ja, vielleicht war das säumige Auge Gottes überhaupt der Grund, warum der Bus, der sich nach und nach mit immer mehr saumseligen Fruchtbringenden füllte, noch immer nicht losfahren konnte, weil das Auge Gottes, die Treppe des Staatstheaters beherrschend, noch immer jedes einzelne Mitglied der Fruchtbringenden Gesellschaft auf seine Linse bannen wollte und damit den Abstieg all der Fruchtbringenden über die Treppe behinderte und verzögerte – während wir dasaßen, auf unserem Bänkchen am Fenster zur Nacht, eingezwängt zwischen den Stehenden, die Panische mir gegenüber und die Verhärmte. Sukzessive immer mehr eingezwängt, unaufhaltsam. Den Ehernen sah ich erst, als es schon zu spät war. So stolperte ich, bereits panisch, über die Füße der Linguistik … Panik, ja. Urplötzlich. Und nicht der Panischen halber, die ganz unpanisch da sitzenblieb, wo sie saß, und auch nicht der Verhärmten wegen. Die verhärmt so sitzenblieb, wie sie war. Ich muß da raus, und zwar sofort, war das einzige, was man von mir noch vernahm, heißt, einzig die Linguistik im grellen Kunstlicht, über deren Füße ich stolperte, vernahm’s mutmaßlich, stereotyp lächelnd, ehern und stoisch.
Aus dem hellen Licht des Fahrzeuginneren in die Nacht der Schatten da draußen stolperte ich, aus dem Licht der Fruchtbringenden in die Finsternis umherhuschender Schatten. Die Schatten wollten mich zurückhalten! Sie vermochten es nicht. Die Vorstellung plötzlich, der Bus fülle sich immer mehr, immer mehr Fruchtbringende drängten hinein, die Fruchtbringenden nähmen quasi überhand und der Bus kippe; die Handbremse löse sich und der Bus finge ganz sachte an, die abschüssige Straße herunterzurollen … Fahrer konnte ich keinen sehen; so gäbe es gar keinen Fahrer, der Fahrer stünde, seine Zigarette rauchend, neben dem Bus und würde zu spät bemerken, daß sich sein Fahrzeug voller Fruchtbringender unaufhaltsam in Bewegung setzt – nicht aufzuhalten, nein, bis ins Erdinnere womöglich – oder der Bus finge plötzlich an zu brennen.“


Christoph Geiser (Basel, 3 augustus 1949)

 

Zie voor nog meer schrijvers van de 3e augustus ook mijn blog van 3 augustus 2016 en mijn blog van 3 augustus 2015 en eveneens van 3 augustus 2011 deel 1 en eveneens deel 2.