Benedict Wells

 

De Duitse schrijver Benedict Wells werd geboren geboren in München op 29 februari 1984. Zie ook alle tags voor Benedict Wells op dit blog.

Uit: Vom Ende der Einsamkeit

„Wie ich rasch an Höhe gewinne, nach oben schieße, schneller werde, wie mir der Wind ins Gesicht weht, ehe ich mit ausgebreiteten Armen dem Horizont entgegenfliege, einfach fort. Ich
betrachte wieder das Heim, so angenehm fern, und male mir aus, was sie gerade ohne mich tun. Wie sie Schlitten fahren und von Mädchen sprechen, wie sie herumalbern und einander ärgern, dabei manchmal zu weit gehen, ehe schon im nächsten Moment alles wieder vergessen ist. Allmählich treten erste Lichter aus der tiefer werdenden Dämmerung hervor, und ich denke an mein altes, vom Zufall zerschnittenes Leben in München, doch das Heimweh ist nur noch eine verblassende Narbe.
Als ich später das Internat erreiche, ist der Himmel bereits nachtschwarz. Ich öffne die Tür zum Haupteingang. Aus der Mensa wehen aufgekratzte Stimmen zu mir her über, und ein intensiver Geruch drängt sich mir auf, nach Essen, Schweiß und Deodorant. Die Luft durchdrungen
von Erwartungen, Gelächter und unterdrückter Angst.
Ich laufe den Flur entlang und sehe einen Jungen, den ich nicht kenne, auf mich zukommen. Er betrachtet mich, den Neuen, argwöhnisch. Instinktiv richte ich mich auf, versuche, erwachsen auszusehen und keinen Fehler zu machen. Der Junge geht wortlos an mir vorbei.
Ich erreiche mein Zimmer, setze mich auf mein Bett und wische mir den Schnee aus dem Haar. Ich bin einfach nur da, ein Geist, ein winziges Wesen, elf Jahre alt. Starr und leer sitze ich im Zimmer, während alle anderen beim Abendessen sind. Später werde ich für mein Fernbleiben eine Strafe bekommen. Ich blicke in die Dunkelheit hinaus.“
*
Das Heim, in das meine Geschwister und ich nach dem Tod unserer Eltern kamen, war keine dieser elitären Einrichtungen mit Tennisplätzen, Hockeyfeldern und Töpfereien, die uns anfangs vielleicht vorschwebten, sondern ein billiges staatliches Internat auf dem Land, bestehend aus zwei grauen Gebäuden und einer Mensa, alles auf dem Gelände des örtlichen Gymnasiums. Morgens gingen wir mit den Landkindern zur Schule, die Nachmittage und Abende verbrachten wir auf unseren Zimmern, am See oder auf dem Fußballplatz. Man gewöhnte sich an dieses Kasernenleben, dennoch konnte es auch noch nach Jahren deprimierend sein, wenn die externen Mitschüler nach dem Unterricht zu
ihren Familien durften, während man selbst wie ein Gefangener auf dem Heimgelände zurückblieb und sich fühlte, als habe man einen Makel.“

 

 
Benedict Wells (München, 29 februari 1984)