Gabriele Wohmann, Amy Waldman, Maria Semple, Urs Widmer, Emile Verhaeren, Robert Creeley, Alexander Pope, Tudor Arghezi, Suzanne Lilar

De Duitse schrijfster Gabriele Wohmann werd op 21 mei 1932 in Darmstadt geboren als Gabriele Guyot. Zie ook alle tags voor Gabriele Wohmann op dit blog.

Uit: Wachsfiguren

„- Ach so, Hase geht auch mit, sagte Lilia mit fallendem Ton.
– Natürlich geht das Häschen mit, rief Tante Else.
Hase stand in seiner gewohnten Abwehrhaltung mit so weit wie möglich weggedrehtem Gesicht. Er spürte Wärme, plötzlich dicht: Tante Else hatte sich neben ihn gekauert, ihre Arme waren zu eifrig.
– Heute geht es mit, nicht wahr, das Häschen, sagte Tante Else.
Es tat Hase leid um Lilia: sie hatte das neue Kleid an mit den roten und schwarzen Sprit­zern und sah so erwachsen aus. Sie konnte ihn nicht gebrauchen. Er sagte nichts, die Lippen ließen sich nicht bewegen, aber es tat ihm leid. Das wäre nicht der Sonntag, den sie mit diesem Kleid haben könnte.
Onkel Willi kam aus der Küche ins Vorzimmer und ließ die Tür offen, und der heiße Waschgeruch strömte herein. Onkel Willi roch festlich nach den Blumen und Kräutern seiner Rasierpaste. Sein speckiges Gesicht war nicht hart wie an Werktagen, sondern vom heißen Wasser aufgequollen und rot.
– Was macht der Hase für ein böses Gesicht, sagte er mit seiner Sonntagsstimme. Was macht er fürn böses Gesicht, wenn er mitgehn darf, he?
Hase gab sich Mühe, zu lächeln, aber das tat immer noch ein bißchen weh, fast zwei Jahre nach der Operation, die Oberlippe hatte nicht genug Platz, oder was war es sonst, auf jeden Fall fühlte er sich nicht wohl, wenn er lächeln mußte.
– Macht er ein böses Gesicht? rief Tante Else. Macht er denn eins?
– Na klar, sagte Onkel Willi, ich kann’s nicht verstehn an so einem Tag, wo wir ihn mit­nehmen.
Hase spürte, daß er jetzt etwas unternehmen mußte – nie war ein Frieden stabil genug. Er stieß eine Folge bettelnder Laute aus, hob die Hände, zwang sich, den Kopf ganz ihnen allen zuzukehren, das Gesicht zu heben, zu zeigen. Böses Gesicht. Lächeln, schlimmer als Schmerz, Unbehagen wie Krankheit. Kleines schreckliches Gesicht, schartig verzerrt und riesig rot geflügelt von den Ohrschalen. Es tat ihm leid für Lilia, auch ein bißchen für Tante Else, und sogar für Onkel Willi, weil er so weich und sonn­täglich gestimmt war.
– Na laßt uns doch gehn, sagte Tante Else. Undankbare Kinder verdienen ja gar nicht, daß man sich so mit ihnen anstellt.
Es tat ihm leid um Lilias Kleid, weil alle Aufmerksamkeit unterwegs, im Omnibus und in der Vorhalle an der Kasse, wie immer auf ihn gezogen war. Häschen mit der Häschen­scharte, Mäuschen mit den Fledermäuschenohren. Es tat ihm so leid für Lilia. Wie hieß er eigentlich wirklich? Hatte er einen Namen? Wie die andern: Willi, Else, Lilia. Kein Gesicht, keinen Namen. Er lief hinter den ändern her mit gesenktem Kopf, fühlte sich schläfrig vor Kummer“.

 
Gabriele Wohmann (21 mei 1932 – 22 juni 2015)
In 1969

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