Elfriede Jelinek, John von Düffel, Theresia Walser, O. P. Zier

De Oostenrijkse schrijfster Elfriede Jelinek werd geboren op 20 oktober 1946 in Mürzzuschlag, een kleine stad in de deelstaat Stiermarken. Zie ook mijn blog van 20 oktober 2008 en ook mijn blog van 20 oktober 2009 en ook mijn blog van 20 oktober 2010

 

Uit: Im Prater

Das Erstaunliche an der Kindheit ist, daß sie nur vergehen kann. Vorher genießt sie noch ihr Leben und geht und schaut fleißig herum, weil das von ihr so verlangt wird. Dem Kind soll sich etwas einprägen, aber den Stempel dazu kriegt es nie in die Finger, auch später nicht. Dann lernt das Kind, in einem bestimmten Sinn zu denken, nur die Kindheit ist sinnlos, vorausgesetzt, man hat überhaupt eine. Später, das Erwachsenwerden, zwingt einen, das, was man als Kind gesehen und erlebt hat, unter einen Sinn zu stellen, es dann wieder unter einem anderen Sinn zu sehen, und, bis einem die Sinne irgendwann ausgehen, werden die vergangenen Dinge ununterbrochen einem Sinn untergeordnet, immer einem andren, weil sie letztlich eben gar keinen haben. Meine Sinne sind, als ich ein Kind war, vom Prater geschärft worden, und kaum war ich zu Hause, sind sie wieder gelöscht worden. Der Prater ist in mir ununterbrochen wieder ausradiert worden. Dort war ich mit meinem Vater und meinen Tanten, den Schwestern meines Vaters, sie haben ganz in der Nähe des Praters gewohnt, am Max Winter-Platz, und zuerst habe ich mit meinem Onkel mikroskopiert, und dann sind wir in den Prater gegangen, wo ich mich selbst von der Leine meiner an diesem Ort immer abwesenden Mutter lassen konnte. Meine Mutter konnte sich mich nur als ein Wesen vorstellen, das so lange da war, als sie es beherrscht hat. Wenn die Gefahr bestand, ich könnte die Beherrschung verlieren, ihre wie jede andre auch, schreiend vor Vergnügen auf dem Ringelspiel mit den Topferln – meinem Lieblingsringelspiel – oder auf andren Vergnügungsmaschinen, inmitten all der Buntheit des Praters und all der Vielfältigkeit, die sich ohnehin jeder Beherrschung zu entziehen schien, wie jede Vielfalt, die es jedem Herrschen schwermacht (daher duldet man sie ja so selten!), wenn ich also außer Rand und außerhalb ihre Herrschafts-Bande zu geraten drohte wie eine verirrte Billardkugel, mußte ich, gleichsam am Schnürl, wieder zurückgeholt werden.”

 

Elfriede Jelinek (Mürzzuschlag, 20 oktober 1946)

 

De Duitse schrijver John von Düffel werd geboren op 20 oktober 1966 in Göttingen. Zie ook mijn blog van 20 oktober 2008 en ook mijn blog van 20 oktober 2009 en ook mijn blog van 20 oktober 2010

 

Uit: Jorge

Die Insel vor ihm hatte die Farbe des Sandsteins, den man hier brach. Das Land in seinem Rücken entließ seine Hügel ins Licht. Es war eine buckelnde Herde, die vor der aufsteigenden Sonne davonkroch, spärliche Haine, gewundene Terrassen, Gärten aus Geröll. Auf den Spuren der Dämmerung wanderten Schatten wie dunkle Wolken über das Land. Doch der Morgen im Sommer war kurz, und sobald die Sonne steil stand, würde sich nichts mehr rühren. Jorge de Houwelandt watete bis zu den Hüften in den Uferwellen und rieb sich eine Handvoll Wasser ins Gesicht. Das Meer schmeckte nach Schlaf. Ohne die Augen zu öffnen, legte er das Kinn auf die Brust, streckte die Arme aus und tauchte ein.
Mit angehaltenem Atem schwamm er ein paar Züge unter Wasser, in seinen Ohren das Rollen der Kiesel und Steine in der sanften Dünung. Er wußte, daß Esther ihm vom Strand aus zusah, daß sie die schiefergraue Oberfläche nach seinem Kopf absuchte und darauf wartete, ihn zwischen den Wellen wiederauftauchen zu sehen, die sich zu dieser frühen Stunde noch nicht brachen, sondern an Land huschten wie Tiere unter einem Tuch. Er brauchte nicht zu atmen. Er verspürte keinen Drang nach Luft. Was er brauchte, war das Meer.
Er konnte die Feier noch immer absagen. Er war das Familienoberhaupt. Wenn er nicht wollte, würde sein Geburtstag nicht stattfinden, alle würden bleiben, wo sie waren. Er, Jorge, brauchte kein Fest.

Die kleine Bucht warf einen Schattensaum über das allmählich erwachende Meer. Nur auf der Insel lag schon Licht. Es fing sich in den Klippen und verlieh dem Sandstein für Augenblicke die Farbe von gebrannten Ziegeln. Jorge glitt schwerelos durch die anschmiegsame, zudringliche Frische der flüssigen Welt und betrachtete die rundgewaschenen Steine und Muscheln unter sich.”

 


John von Düffel (Göttingen, 20 oktober 1966)

 

De Duitse schrijfster Theresia Walser werd geboren op 20 oktober 1967 in Friedrichshafen. Zie ook mijn blog van 20 oktober 2008 en ook mijn blog van 20 oktober 2010

 

Uit: Am Anfang war die Nacht Musik

„Aber Anna, seine Frau, schläft, die Patienten schlafen, alle schlafen noch, das ganze Haus. Wahrscheinlich ist auch Kaline wieder eingeschlafen. Das sieht ihr ähnlich. Kaum lässt sie

sich nieder, auf der Küchenbank neben dem Herd oder auf dem Hocker im Waschraum, sinkt sie in einen tiefen Schlaf.

Vor zwei Tagen erst hat er sie in diesem Zustand sogar im Salon ertappt. Zurückgelehnt in eines der Kissen glich sie einem zierlichen Tier mit geschlossenen Augen. Oder einer schlanken Pflanze. Einer vom Schlaf überraschten Blüte. Gern hätte er länger auf ihre leicht gewölbten Lider geblickt. Geschlossene Augen haben etwas so Unschuldiges, Wehrloses. Doch er musste sie wecken. Seine Frau wurde in solchen Fällen schnell laut, viel zu laut für ein arglos schlafendes Mädchen. Er sagte

ihren Namen, aber Kaline wachte nicht auf. Hinfassen wollte er nicht, also blieb er stehen und fing an, ihr ins Gesicht zu blasen, bis sie die Augen aufschlug. Eher erstaunt als erschrocken, Entschuldigung murmelnd. Unbemerkt stand Anna in der Tür, und so wurde es doch noch sehr schnell sehr laut, so

laut, dass an Schlafen überhaupt nicht mehr zu denken war.

Das Schimpfen vertrieb jeglichen Schlaf in die hintersten Winkel des Hauses. Hinab in die dunklen Kellergewölbe. Und hoch hinauf, höher noch als die Zimmer der Bediensteten, in diese winzige Kammer direkt unterm Dach. Ein Stübchen wie von Spinnweben eingesponnen,wo die Fenster, der Tauben wegen, vernagelt blieben. Dort war der Schlaf noch Schlaf, dieser natürlichste Zustand des Menschen. Und der ihm am meisten entsprechende. Schließlich beginnt des Menschen Dasein im

Schlaf. Und wozu hat die Natur ihn vorgesehen, wenn nicht dazu, ihr Dasein fortzuführen.“

 

Theresia Walser (Friedrichshafen, 20 oktober 1967)

 

De Oostenrijkse schrijver O. P. Zier werd geboren in Schwarzach im Pongau op 20 oktober 1954 en groeide op in Lend. Zie ook mijn blog van 20 oktober 2008 en ook mijn blog van 20 oktober 2009 en ook mijn blog van 20 oktober 2010

 

Uit: Tote Saison

„Hätte ich sie bloß umgebracht!

Wäre ich Barbara Lochners Mörder, es spräche nicht mehr gegen mich denn so.

Ich hatte nicht nur kein Alibi und am Tatort meine Spuren hinterlassen, ich war überdies zur Tatzeit nachweislich und unbestritten mit dem Mordopfer dort verabredet gewesen.

Darüber hinaus verfügte ich – nach allem, was zuvor geschehen war – über mehr als genug Gründe für dieses Gewaltverbrechen.

Ich hatte schon die längste Zeit das Gefühl, dass mir auch mein Verteidiger nicht so recht glaubte.

Aber was hieß hier überhaupt Verteidiger! – Wir waren als Kinder und Heranwachsende eng befreundet gewesen. Fritz hatte irgendwie zu der Bande gehört, die aus Alex und mir bestanden hatte. Er war, wie Alex, ohne Vater aufgewachsen, ein Lediger. Seine Mutter war Handarbeitslehrerin in Lend gewesen. Fritz hatte keine Ahnung, wer sein Vater war, aber schon früh hatte er sich in Andeutungen gefallen, dass es sich dabei um einen Baron oder einen Grafen handle. Wir hatten diese Mutmaßungen nicht als abwegig erachtet, denn an Geld hatte es seiner Mama offenbar nie gemangelt. Es schien immer erheblich mehr davon vorhanden zu sein, als mit Strick- und Kochunterricht an einer Hauptschule zu verdienen war. Auch lebten die beiden allein in einem stattlichen, von einem großen, verwilderten Obstgarten umgebenen Haus, das auf mich immer seltsam leer, regelrecht verlassen gewirkt hatte. Fritz verfügte darin über ein randvoll mit den herrlichsten Spielsachen angefülltes Kinderzimmer, in dem er sich jedoch nur selten aufhielt – ganz und gar unbegreiflich für uns Gassenbuben, die jede Minute des Aufenthaltes in diesem Kinderparadies genossen. Doch wie oft hatten wir unseren Freund vergeblich zu überreden versucht, mit uns in seinem Zimmer zu spielen.“

 

O. P. Zier (Schwarzach im Pongau, 20 oktober 1954)